Donnerstag, 2. November 2006

"Der große Khalil Gibran"

Gedichte und Zitate von Khalil Gibran:

Khalil Gibran (1883 - 1931)






Der Prophet schenkt Dir das Glück

Khalil Gibran verbindet islamische, buddhistische und christliche Motive in einer Philosophie des Glücks. Als arabischer Philosoph denkt er in Bildern, Parabeln, Gedichten und prophetischen Reden. Das automatische Denken in Trance, das Mohammed begründete, führt Gibran weiter.

Gibran wurde 1883 im Libanon geboren. Er war als Schüler einsam und nachdenklich. Er entwarf früh ein Flugzeug, um damit davon zu fliegen, aber die Mutter verbot alle Flugversuche. Gibran galt bald als der "Idiot des Dorfes". 1895 wanderte er mit seiner Mutter und seinen Geschwistern in die USA aus. 1897 erklärte sich Gibran zum Heiden. Von 1898 bis 1901 lebte Gibran wieder im Libanon bei seinem Vater. Er wurde während dieser Zeit von islamischer und indischer Philosophie geprägt. Er schrieb auch schon die erste Fassung seines Hauptwerkes "Der Prophet", das er dann aber erst 25 Jahre später nach vielen Umarbeitungen veröffentlichte.

Können Sie sich einen Glückstext vorstellen, den Sie 25 Jahre lang überarbeiten würden?

1902 kehrte Gibran in die USA zurück. Seine Mutter starb, seine Schwester starb, sein Bruder starb. Gibran hat diese Verluste niemals bewältigt. Er entwickelte öffentliche platonische Beziehungen und geheime sexuelle Beziehungen zu Frauen. Mary Haskell wurde die lebenslängliche "Muse" von Gibran. Sie korrigierte seine Texte, begutachtete seine Bilder und lehnte mehrere Heiratsanträge Gibrans konsequent ab. Gibran veröffentlichte erste Bücher. Von 1908-1910 lebte Gibran mit einem Stipendium von Mary Haskell in Paris. Sein Eintreten für die antitürkische Revolution im Libanon hatte ein Pistolenattentat auf Gibran zur Folge, das er aber überlebte. Seit 1911 setzte sich Gibran intensiv mit Nietzsches "Zarathustra" auseinander, der wie Gibran die Lehre von der ewigen Wiederkehr vertrat. Gibrans Gesundheit war sehr labil. Wie sein Vater benutzte er den Alkohol als Lebenshilfe. Er traf C.G. Jung und Henri Bergson. Ab 1918 erscheint seine Glücksphilosophie in vielen Bänden mit Namen wie "Der Narr", "Der Vorbote", "Der Prophet" und "Der Garten des Propheten". Ab 1930 litt Gibran an fortgeschrittener Leberzirrhose. Am 10. April 1931 ist er in New York gestorben. Sein Ruhm kam erst nach seinem Tod und dauert bis heute an.

Quelle: Das philosophische Radio vom 4. Juli 2003 (WDR 5)

http://www.wdr5.de/sendungen/das_philosophische_radio/235748.phtml

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Bücher:

Khalil Gibran: Der Prophet
Gibran, Khalil: Der Prophet: Düsseldorf [u.a.]: Walter, 2001. - ISBN: 3-5302-6802-X

Zusammengefasst
"Der Prophet" von Khalil Gibran ist für viele schon so etwas wie ein Klassiker.

Der inhaltliche Rahmen ist schnell erzählt: Almustafa, der Prophet, wird die Insel verlassen, auf der er seit 12 Jahren lebt. Den Menschen, die auf der Insel leben, fällt sein Abschied schwer und sie bitten ihn, ihnen noch einige seiner Weisheiten zu schenken. Und Almustafa spricht zu ihnen - über das Leben, über die Liebe, über Kinder, über die Arbeit, über den Tod und vieles mehr. Das Buch muss nicht von vorne nach hinten gelesen werden, sondern Sie können einfach mittendrin bei einem Thema einsteigen, welches Sie persönlich am meisten berührt.

Die Texte sind poetischer Natur und eröffnen ihren Gehalt erst nach und nach. Nicht immer wird die Botschaft gleich klar und so lohnt es sich, die einzelnen Passagen wieder und wieder zu lesen, dann man entdeckt immer wieder Neues. Nehmen Sie sich dafür möglichst viel Zeit. Beim Lesen werden Sie an vielen Stellen nicken und das Gefühl haben, Ihnen wurde aus der Seele geschrieben An anderen Stellen werden Sie den Kopf schütteln und mit den Aussagen hadern. Und genau das ist das Geschenk dieses kleinen Büchleins: es regt uns an, uns inspirieren zu lassen, aber auch, uns unsere ganz eigenen Gedanken zu machen.

Als kleine Kostprobe hier einige Gedanken zum Thema "Kinder" von Khalil Gibran:

"Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch. Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht."

Das Buch gibt es in verschiedenen Ausführungen. Bei dieser Ausgabe handelt es sich um wertvoll wirkendes, kleinformatiges Buch mit festen Einband und wundervollen, farbigen Illustrationen von Stefanie Nickel.

Für wen ist dieses Buch?
Für Menschen, die poetische Formulierungen lieben und die bereit sind, einen Weisheitstext auf sich wirken zu lassen. Weniger für Menschen, die "Fast-Food-Weisheiten" suchen.

Aus dem Inhalt
Von der Liebe
Vom Geben
Von der Freude und vom Leid
Von den Kleidern
Von Schuld und Sühne
Von den Gesetzen
Von der Freiheit
Vom Schmerz
Von der Selbsterkenntnis
Vom Beten
Vom Tod
u.a.

Quelle: http://www.zeitzuleben.de/buch/in/prophet.html

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Khalil Gibran
Liebesbriefe an May Ziadeh

Walter Verlag, Düsseldorf 2000
ISBN 3530100218, gebunden, 140 Seiten

Klappentext:

Herausgegeben und aus dem Arabischen übersetzt von Ursula Assaf und S. Yussuf Assaf. Zwischen 1914 und 1931, seinem Todesjahr, schrieb Khalil Gibran, der weltberühmte Verfasser des Propheten, Liebesbriefe an May Ziadeh. Es entstand eine zartfühlende, innige Liebesbeziehung zweier geistesverwandter Menschen, die einander nie begegnet sind. Wer war diese May Ziadeh? Zweifelsohne war sie die bedeutendste Schriftstellerin arabischer Sprache in den ersten drei Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts. 1911 erschien ihr erster großer Roman »Fleurs de rêve«. Sie schrieb für die führenden Magazine Ägyptens und unterhielt einen viel beachteten literarischen Salon in Kairo.

Rezensionen - Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13.04.2000

Wolfgang Günter Lerch weist zunächst auf die durchaus fragwürdige "Schwärmerei" vieler Anhänger Gibrans hin, die seinem Werk vor allem in den USA eher einen Bärendienst erwiesen hat. Er bekennt, dass er andere Titel ("Jesus Menschensohn" und "Die Stürme") dem durch die "Hippie-Bewegung" berühmt gewordenen "Der Prophet" vorzieht. Im folgenden beschäftigt sich Lerch mit der Biografie der Briefpartner, die sich nie gesehen haben; Gibran lebte durch Auswanderung seiner Familie in Amerika, Ziadeh in Ägypten. Die Briefe, von denen nur Gibrans hier vorliegen, beschreibt er als Dokumente einer "Passion", in der sich Zuneigung und Ermutigung für die Schriftstellerkollegin mischen mit "viel Heimweh, Seelenschmerz und Introspektion über das Künstlertum". Der "platonische Charakter" des Briefwechsels lässt den Ton zudem schwanken zwischen "Sentimentalität und Erhabenheit", schreibt Lerch, und schließt mit der Bemerkung, dass Ziadeh nach dem Tod Gibrans in Depressionen versank und nicht mehr geschrieben hat.

Quelle: http://www.perlentaucher.de/autoren/1533.html

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Weitere Gedichte und Zitate von Khalil Gibran:

"Habt ihr nicht vom dem Mann vernommen, der im Erdboden nach Wurzeln grub und dabei einen Schatz entdeckte?"

"Dein Schmerz ist nur das Aufbrechen der Schale, die dein Verstehen einschließt."

"Winkt dir die Liebe, so folge ihr, sind auch ihre Wege hart uns steil. Und
umfangen dich ihre Flügel, so ergib dich ihr, mag auch das unterm Gefieder
verborgene Schwert dich verwunden. Denn gleich wie die Liebe dich krönt, so
wird sie dich kreuzigen,wie sie deinen Lebensbaum entfaltet,so wird sie ihn
beschneiden.Wie sie emporsteigt zu deiner Höhe und die zartesten Zweige
liebkost, die in der Sonne erbeben,ebenso wird sie hinabsteigen zu deinen
Wurzeln und sie aufrütteln in ihrem Festklammern am Erdboden."

"Gestern gehorchten wir noch Königen und verneigten unsere Häupter vor Imperatoren. Heute jedoch verneigen wir uns nur noch vor der Wahrheit." - The Vision - Chapter: Children of Gods, Scions of Apes (Original engl.: "Yesterday we obeyed kings and bent our necks before emperors. But today we kneel only to truth.")

"Schönheit ist Ewigkeit, die sich in einem Spiegel anblickt." - Der Prophet, Von der Schönheit

"Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr, sind ihre Wege auch schwer und steil. Und wenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin, auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann. Und wenn sie zu dir spricht, glaube an sie, auch wenn ihre Stimme deine Träume zerschmettern kann wie der Nordwind den Garten verwüstet." - Der Prophet, Von der Liebe

"Wie die Samen, die unter der Schneedecke träumen, träumen eure Herzen vom Frühling. Vertraut diesen Träumen, denn in ihnen verbirgt sich das Tor zur Unendlichkeit." - Der Prophet

"Als ich meinen Schmerz auf den Acker der Geduld pflanzte, brachte er die Frucht des Glücks hervor."

"Auge um Auge - und die ganze Welt wäre blind." (Original engl.: "An eye for an eye, and the whole world would be blind.")

"Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt. Wir fällen sie nieder und verwandeln sie in Papier, um unsere Leere zu dokumentieren..") (Original engl.: "Trees are poems that earth writes upon the sky. We fell them down and turn them into paper that we may record our emptiness.")

"Das Augenfällige wird immer erst gesehen, nachdem es einer in schlichte Worte gefasst hat."

"Die Blumen des Frühlings sind die Träume des Winters."

"Du magst denjenigen vergessen, mit dem du gelacht hast, aber nie denjenigen, mit dem du geweint hast."

"Eine Übertreibung ist eine Wahrheit, die ihre Ruhe verloren hat."

"In jedem Winter steckt ein zitternder Frühling, und hinter dem Schleier jeder Nacht verbirgt sich ein lächelnder Morgen."

"Die geheimsten Tränen suchen nie unsere Augen."

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Das Leben

Das Leben ist verhüllt und verborgen,
wie auch euer größeres Selbst verborgen
und verhüllt ist.

Aber wenn das Leben spricht,
werden alle Winde Worte;
und wenn es von neuem spricht,
so wird das Lächeln auf euren Lippen
und die Tränen in euren Aug' zum Wort.

Wenn es singt , hören es die Tauben
und sind ergriffen;
und wenn es sich langsam nähert,
sehen es die Blinden und sind entzückt
und folgen ihm verwundert und erstaunt

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Der Geist

Der Geist offenbart sich
durch die Blicke und die Worte
Denn die Seele ist unsere Bleibe,
unsere Augen sind ihre Fenster
uns unsere Lippen ihre Boten.

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Die Neigungen des Herzens

Die Neigungen des Herzens sind geteilt wie die Äste einer Zeder.
Verliert der Baum einen starken Ast, so wird er leiden, aber er stirbt nicht.
Er wird all seine Lebenskraft in den nächsten Ast fließen lassen,
auf dass dieser wachse und die Lücke ausfülle.

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Die Stimmen der Natur

Wenn die Vögel singen, rufen sie dabei die Blumen des Feldes oder sprechen sie mit den Bäumen,
oder ist ihr Gesang nur ein Widerhall dessen, was das Bächlein murmelt?
Der Mensch mit all seiner Klugheit kann nicht verstehen,
was die Vögel sagen oder was der Bach vor sich hinmurmelt oder was die Wellen flüstern,
wenn sie langsam und sanft den Strand berühren.

Der Mensch in all seiner Klugheit kann nicht verstehen,
was der Regen spricht, wenn er auf die Blätter in den Bäumen fällt oder wenn er aufs Fensterbrett tropft.
Er weiß nicht, was der flüchtige Wind den Blüten zu erzählen hat.

Aber das Herz des Menschen ist imstande,
die Bedeutung dieser Stimmen zu fühlen und zu begreifen.
Oftmals bedient sich die ewige Wahrheit einer geheimnisvollen Sprache.
Seele und Natur unterhalten sich miteinander, während der Mensch abseits steht, sprachlos und verwirrt.
Und hat der Mensch nicht Tränen vergossen über diese Stimmen?
Sind seine Tränen nicht ein beredtes Zeugnis seines Verstehens?

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Du

Du bist die Melodie,
die in meinen Träumen schwebt,
der sanfte Gedanke,
der sich nicht fassen lässt.

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Du stutzt deine Flügel

Gott hat deinem Geist Flügel verliehen,
mit denen du aufsteigen kannst
ins weite Firmament der Liebe und der Freiheit.

Und du jammervolles Geschöpf
stutzt diese Flügel mit eigener Hand
und läßt zu, dass deine Seele
wie ein Insekt am Boden dahinkriecht.

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Ein Mann sprach zu einem anderen:

Vor langer Zeit schrieb ich mit der Spitze meines Stabs
eine Zeile in den Sand - als die Flut kam;
und die Menschen bleiben immer noch stehen,
um die Worte zu lesen, und sie achten darauf,
daß sie nicht verwischt werden.

Und der andere Mann sprach:
Auch ich schrieb eine Zeile in den Sand,
doch zur Zeit der Ebbe; und eine Woge der rauhen See
spülte sie fort. Aber sage mir, was hast Du geschrieben?

Und der erste Mann antwortete, indem er sprach:
Dies: Ich bin der, der ist. Und wie lauteten deine Worte?

Der andere sprach:
Ich schrieb Ich bin nur ein Tropfen dieses weiten Ozeans.

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Ein Vogel will sich in die Luft erheben,
selbst wenn sein Käfig golden wär.
Ein Fluss gräbt sich seinen Weg ins Meer,
selbst wenn ihn Dämme hindern wollten.
Mein Herz ruft deinen Namen,
selbst wenn du meinen vergessen würdest.

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Geben

Ihr gebt nur wenig, wenn ihr von eurem Besitz gebt.
Erst wenn ihr von euch selber gebt, gebt ihr wahrhaft.

Denn was ist euer Besitz anderes als etwas, das ihr bewahrt und
bewacht aus Angst, daß ihr es morgen brauchen könntet?
Und morgen, was wird das Morgen dem übervorsichtigen Hund bringen,
der Knochen im spurlosen Sand vergräbt,
wenn er den Pilgern zur heiligen Stadt folgt?

Und was ist die Angst vor der Not anderes als Not?
Ist nicht Angst vor Durst, wenn der Brunnen voll ist,
der Durst, der unlöschbar ist?

Es gibt jene, die von dem Vielen, das sie haben, wenig geben
- und sie geben um der Anerkennung willen,
und ihr verborgener Wunsch verdirbt ihre Gaben.

Und es gibt jene, die wenig haben und alles geben.
Das sind die, die an das Leben und die Fülle des Lebens glauben,
und ihr Beutel ist nie leer.

Es gibt jene, die mit Freude geben, und die Freude ist ihr Lohn.

Es gibt jene, die mit Schmerzen geben, und der Schmerz ist ihr Taufe.

Und es gibt jene, die geben und keinen Schmerz beim Geben kennen;
weder suchen sie Freude dabei, noch geben sie um der Tugend willen;
Sie geben, wie im Tal dort drüben die Myrte ihren Duft verströmt.
Durch ihr Hände spricht das Gute, und aus ihren Augen lächelt es auf die Erde.

Es ist gut zu geben, wenn man gebeten wird,
aber besser ist es, wenn man ungebeten gibt, aus Verständnis;

Und für den Freigebigen ist die Suche nach einem,
der empfangen soll, eine größere Freude als das Geben.

Und gibt es etwas, das ihr zurückhalten werdet?

Alles, was ihr habt, wird eines Tages gegeben werden;
daher gebt jetzt, daß die Zeit des Gebens eure ist
und nicht die eurer Erben.

Ihr sagt oft:
"Ich würde geben, aber nur dem, der es verdient:"
Die Bäume in eurem Obstgarten reden nicht so,
und auch nicht die Herden auf euren Weiden.

Sie geben, damit sie leben dürfen,
denn zurückhalten heißt zugrunde gehen.
Sicher ist der, der würdig ist,
seine Tage und Nächte zu erhalten,
auch alles andere von euch würdig.

Und der, der verdient hat, vom Meer des Lebens zu trinken,
verdient auch, seinen Becher aus eurem Bach zu füllen.

Und welcher Verdienst wäre größer
als der Mut und das Vertrauen, ja auch die Nächstenliebe,
die im Empfangen liegt?

Und wer seid ihr,
daß die Menschen sich die Brust zerreißen
und ihren Stolz entschleiern sollten,
damit ihr ihren Wert nackt und ihren Stolz entblößt seht?
Seht erst zu, daß ihr selber verdient,
ein Gebender und ein Werkzeug des Gebens zu sein.

Denn in Wahrheit ist es das Leben, das dem Leben gibt ,
während ihr, die ihr euch als Gebende fühlt,
nichts anderes sei als Zeugen.

Und ihr, die ihr empfangt -
und ihr seid alle Empfangende -,
bürdet euch nicht die Last der Dankbarkeit auf,
damit ihr nicht euch und dem Gebenden ein Joch auferlegt.

Steigt lieber zusammen mit dem Gebenden auf
seinen Gaben empor wie auf Flügeln;

Denn seid ihr euch eurer Schuld zu sehr bewußt,
heißt das, die Freigebigkeit desjenigen zu bezweifeln,
der die großherzige Erde zur Mutter und Gott zum Vater hat.

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Gib nicht auf!

Gleiche nicht jenem,
der am Kamin sitzt und wartet,
bis das Feuer ausgeht,
und dann umsonst in die erkaltete Asche bläst.

Gib die Hoffnung nicht auf,
und verzweifle nicht wegen vergangener Dinge!
Unwiederbringliches zu beweinen,
gehört zu den ärgsten Schwächen des Menschen.

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Ihr sollt nicht...

Ihr sollt nicht eure Flügel falten,
damit ihr durch Türen kommt,
noch eure Köpfe beugen,
damit sie nicht gegen eine Decke stoßen,
noch Angst haben zu atmen,
damit die Mauern nicht bersten und einstürzen.

Ihr sollt nicht in Gräbern wohnen,
die von den Toten für die Lebenden gemacht sind.
Und obwohl von Pracht und Glanz,
sollte euer Haus weder euer Geheimnis hüten,
noch eure Sehnsucht beherbergen.

Denn was grenzenlos in euch ist,
wohnt im Palast des Himmels,
dessen Tor der Morgennebel ist und dessen
Fenster die Lieder und die Stille der Nacht sind.

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Lass mich schlafen, bedecke nicht meine Brust mit Weinen und Seufzen, sprich nicht voller Kummer von meinem Weggehen,
sondern schließe deine Augen,
und du wirst mich unter euch sehen,
jetzt und immer.

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Liebe

Wo immer sie auftritt
ist die Liebe
unser Herr und Meister.
Sie ist nicht
ausschweifende Lust,
nicht Begierde des Fleisches,
kein Splitter des Verlangens,
im Widerstreit mit dem Ich,
auch kein Teil des Fleisches,
das gegen den Geist
zu Felde zieht.
Denn die Liebe
lehnt sich nicht auf.
Sie verläßt nur
die ausgetretenen Pfade
vergangener Geschicke.

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Lied des Regens

Ich bin die silbernen Fäden, welche die Götter zur Erde senden;
die Natur fängt sie auf und schmückt sich mit ihnen.

Ich bin die kostbaren Perlen aus der Krone der Astarte;
die Tochter des Morgens raubte sie mir heimlich,
um die Felder zu zieren.

Ich weine, und es lächeln die Hügel, ich falle hinab,
und die Blumen richten sich auf.
Feld und Wolke sind Liebende, und ich bin ihr Bote,
bald lindere ich den Durst des einen, bald heile ich die Krankheit des anderen.

Die Stimme des Donners und das Schwert des Blitzes künden mein Kommen an,
aber am Ende meiner Reise erstrahlt am Himmel der Regenbogen.

So ist das irdische Leben; unter den Füßen der Materie beginnt es seinen Lauf,
und in den sanften Händen des Todes endet es.

Aus dem Herzen des Sees steige ich auf,
schwebe auf den Flügeln der Luft, bis ich meinen Garten entdecke,
dann falle ich herab, küsse die Lippen der Blüten
und umarme die Zweige.

Mit meinen Fingerspitzen klopfe ich sanft an die Fensterscheiben;
einfühlsame Geister lauschen vergnügt dieser geheimnisvollen Musik.

Ich vertreibe die warme Luft, der ich mein Leben verdanke, wie eine Frau,
die den Mann beherrscht, durch die Kraft, die sie von ihm empfing.

Ich bin ein Seufzer des Meeres, eine Träne des Himmels,
ein Lächeln des Feldes, ebenso wie die Liebe,
die ein Seufzer aus dem Meer der Gefühle ist,
eine Träne vom Himmel der Gedanken
und ein Lächeln vom Felde der Seele.

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Nachbarn

Im Herbst sammelte ich alle meine Sorgen
und vergrub sie in meinem Garten.
Und als der April wiederkehrte und
der Frühling kam, die Erde zu heiraten,
da wuchsen in meinem Garten schöne Blumen,
nicht zu vergleichen mit allen anderen Blumen.
Und meine Nachbarn kamen, um sie anzuschauen,
und sie sagten zu mir:

Willst du uns, wenn der Herbst wiederkommt,
zur Saatzeit, nicht auch Samen dieser Blumen geben,
damit wir sie in unseren Gärten haben?

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Schönheit

Gesichtszüge, welche die Geheimnisse unserer Seele enthüllen,
verleihen dem Gesicht Schönheit und Anmut,
selbst wenn diese seelischen Geheimnisse schmerzlich und leidvoll sind.
Gesichter hingegen, die - Masken gleich - verschweigen, was in ihrem Innern vorgeht,
entbehren jeglicher Schönheit, selbst wenn ihre äußeren Formen vollkommen symmetrisch und harmonisch sind.
Ebenso wie Gläser unsere Lippen nur anziehen,
wenn durch das kostbare Kristall die Farbe des Weines hindurchschimmert.

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Tadel

Ich tadelte meine Seele siebenmal.
Das erste Mal, als ich versuchte
mich auf Kosten der Schwachen zu erhöhen.
Das zweite Mal, als ich
vor Verkrüppelten zu hinken vorgab.
Das dritte Mal, als ich, vor die Wahl gestellt,
das Leichte dem Schweren vorzog.
Das vierte Mal, als ich einen Fehler beging und
mich mit den Fehlern der anderen tröstete.
Das fünfte Mal, als ich, aus Furcht gefügig geworden,
behauptete, groß in der Geduld zu sein.
Das sechste Mal, als ich meine Kleider hob
um dem Schmutz des Lebens zu entgehen.
Das siebte Mal, als ich Gott mit Hymnen pries
und meinen Gesang für Tugend hielt.

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Viele Königreiche

Die Menschen sind geteilt in verschiedene Sippen und Stämme,
sie gehören vielen Ländern und Städten an.
Ich aber fühle mich fremd in allen diesen Gemeinschaften
und zähle mich zu keiner der Siedlungen.
Das All ist meine Heimat und die ganze Menschheit meine Sippe.
Die Menschen sind schwach, und es ist traurig, dass sie untereinander geteilt sind.
Die Welt ist so eng, es ist unklug, sie in Königreiche, Imperien und Provinzen zu spalten.

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Vom ersten Kuss

Der erste Kuss ist das Streifen der Lippen der Rose
mit den zarten Fingern der Brise, in der man die
Rose einen langen Seufzer der Erleichterung
und ein sanftes Stöhnen von sich geben hört.
Er ist die Vereinigung von zwei
parfümierten Blumen, damit ihre
vermischten Düfte die Bienen zum Honigsammeln rufen.

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Vom Reden

Ihr redet wenn ihr aufhört,
mit euren Gedanken in Frieden zu sein;
Und wenn ihr nicht länger in der Einsamkeit eures Herzens verweilen könnt,
lebt ihr mit euren Kippen,
und das Wort ist euch Ablenkung und Zeitvertreib.
In vielen eurer Gespräche wird das Denken halb ermordet.
Denn der Gedanke ist ein Vogel,
der Raum braucht und in einem Käfig von Worten zwar seine Flügel ausbreiten,
aber nicht fliegen kann.
Es sind welche unter euch, die den Redseligen suchen,
weil sie Angst haben, allein zu sein.
Die Stille des Alleinseins offenbart ihren Augen ihr nacktes Ich,
und sie möchten flüchten.
Und es sind welche unter euch,
die reden und dabei ohne Wissen oder Absicht eine Wahrheit aufdecken,
die sie selber nicht verstehen.
Und wieder andere haben die Wahrheit in sich,
aber drücken sie nicht in Worten aus.
In der Brust solcher Menschen weilt der Geist in rhythmischer Stille.

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Vom Schweigen

Obwohl die Ströme der Worte
uns unablässig überschwemmen,
in den Tiefen unseres Ich
herrscht das Schweigen auf immer.

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Von den Kindern

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit, und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Laßt euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.

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Von der Ehe

Ihr wurdet zusammen geboren,
und ihr werdet auf immer zusammen sein.
Ihr werdet zusammen sein,
wenn die weissen Flügel des Todes eure Tage scheiden.
Ja, ihr werdet selbst im stummen Gedenken Gottes zusammen sein.
Aber lasst Raum zwischen euch.
Und lasst die Winde des Himmels zwischen euch tanzen.
Liebt einander, aber macht die Liebe nicht zur Fessel:
Lasst sie eher ein wogendes Meer zwischen den Ufern eurer Seelen sein.
Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher.
Gebt einander von eurem Brot, aber esst nicht vom selben Laib.
Singt und tanzt zusammen und seid fröhlich, aber lasst jeden von euch allein sein,
So wie die Saiten einer Laute allein sind und doch von derselben Musik erzittern.
Gebt eure Herzen, aber nicht in des anderern Obhut.
Denn nur die Hand des Lebens kann eure Herzen umfassen.
Und steht zusammen, doch nicht zu nah:
Denn die Säulen des Tempels stehen für sich,
Und die Eiche und die Zypresse wachsen nicht im Schatten der anderen.

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Von der Freude und dem Leid

Eure Freude ist euer Leid ohne Maske.
Und derselbe Brunnen, aus dem euer Lachen aufsteigt,
war oft von euren Tränen erfüllt.
Und wie könnte es anders sein?
je tiefer sich das Leid in euer Sein eingräbt,
desto mehr Freude könnt ihr erfassen.
Ist nicht der Becher, der euren Wein enthält,
dasselbe Gefäß, das im Ofen des Töpfers gebrannt wurde?
Und ist nicht die Laute, die euren Geist besänftigt,
dasselbe Holz, das mit Messern ausgehöhlt wurde?
Wenn ihr fröhlich seid, schaut tief in eure Herzen,
und ihr werdet finden, daß nur das,
was euch Leid bereitet hat, euch auch Freude gibt.
Wenn ihr traurig seid, schaut wieder in eure Herzen,
und ihr werdet sehen, daß die Wahrheit um das weint,
was euch Vergnügen bereitet hat.
Einige von euch sagen:"Freude ist größer als Leid".
Und andere sagen:"Nein, Leid ist größer".
Aber ich sage euch, sie sind untrennbar.
Sie kommen zusammen, und wenn einer alleine mit euch am Tisch sitzt,
denkt daran, daß der andere auf eurem Bett schläft.
Wahrhaftig, wie die Schalen einer Waage
hängt ihr zwischen eurem Leid und eurer Freude.
Nur wenn ihr leer seid, steht ihr still und im Gleichgewicht.
Wenn der Schatzhalter euch hochhebt, um sein Gold und sein Silber zu wiegen,
muß entweder eure Freude oder euer Leid steigen oder fallen.

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Von der Freundschaft

Euer Freund ist die Antwort auf eure Nöte
Er ist das Feld, das ihr mit Liebe besät
und mit Dankbarkeit erntet.
Und er ist euer Tisch und euer Herd
Denn ihr kommt zu ihm mit eurem Hunger,
und ihr sucht euren Frieden bei ihm.
Wenn euer Freund frei heraus spricht,
fürchtet ihr weder das "Nein" in euren Gedanken,
noch haltet ihr mit dem "Ja" zurück.
Und wenn er schweigt,
hört euer Herz nicht auf,
dem seinen zu lauschen;
Denn in der Freundschaft werden
alle Gedanken, alle Wünsche, alle Erwartungen
ohne Worte geboren und geteilt,
mit Freude, die keinen Beifall braucht.
Wenn ihr von eurem Freund weggeht, trauert ihr nicht:
Denn was ihr am meisten an ihm liebt,
ist vielleicht in seiner Abwesenheit klarer,
wie der Berg dem Bergsteiger von der Ebene aus klarer erscheint.
Und die Freundschaft soll kein anderen Zweck haben,
als den Geist zu vertiefen.
Und laßt euer Bestes für euren Freund sein.
Wenn er die Ebbe eurer Gezeiten kennen muß,
laßt ihn auch das Hochwasser kennen.
Denn was ist ein Freund, wenn ihr ihn nur aufsucht,
um die Stunden todzuschlagen?
Sucht ihn auf, um die Stunden mit ihm zu erleben.
Denn er ist da, eure Bedürfnisse zu befriedigen
nicht aber eure Leere auszufüllen.
Und in der Süße des Freundschaft laßt Lachen sein
und geteilte Freude.
Denn im Tau kleiner Dinge
findet das Herz seinen Morgen und wird erfrischt.

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Von der Liebe

Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr, sind ihre Wege auch schwer und steil.

Und wenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin,
Auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann.

Und wenn sie zu dir spricht, glaube an sie,
auch wenn ihre Stimme deine Träume zerschmettertn kann
wie der Nordwind den Garten verwüstetet.

Denn so, wie die Liebe dich krönt, kreuzigt sie dich.
So wie sie dich wachsen lässt, beschneidet sie dich.
So wie sie emporsteigt zu deinen Höhen
und die zartesten Zweige liebkost, die in der Sonne zittern,
steigt sie hinab zu deinen Wurzeln
und erschüttert sie in Ihrer Erdgebundenheit.

Wie Korngarben sammelt sie dich um sich.
Sie drischt dich, um dich nackt zu machen.
Sie siebt dich, um dich von deiner Spreu zu befreien.
Sie mahlt dich, bis du weiß bist.
Sie knetet dich, bis du geschmeidig bist;
Und dann weiht sie dich ihrem heiligem Feuer,
damit du heiliges Brot wirst für Gottes heiliges Mahl.

All dies wird die Liebe mit dir machen,
damit du die Geheimnisse deines Herzens kennenlernst
und in diesem Wissen ein Teil vom Herzen des Lebens wirst.

Aber wenn du in deiner Angst nur die Ruhe und die Lust der Liebe suchst,
dann ist es besser für dich, deine Nacktheit zu bedecken
und vom Dreschboden der Liebe zu gehen.
In die Welt ohne Jahreszeiten,
wo du lachen wirst, aber nicht dein ganzes Lachen,
und weinen, aber nicht all deine Tränen.

Liebe gibt nichts als sich selbst und nimmt nichts als von sich selbst.

Liebe besitzt nicht, noch läßt sie sich besitzen;

Denn die Liebe genügt der Liebe.

Und glaube nicht, du kannst den Lauf der Liebe lenken,
denn die Liebe, wenn sie dich für würdig hält, lenkt deinen Lauf.

Liebe hat keinen anderen Wunsch, als sich zu erfüllen.

Aber wenn du liebst und Wünsche haben mußt, sollst du dir dies wünschen:
Zu schmelzen und wie ein plätschernder Bach zu sein,
der seine Melodie der Nacht singt.

Den Schmerz allzu vieler Zärtlichkeit zu kennen.
Vom eigenen Verstehen der Liebe verwundet zu sein;
Und willig und freudig zu bluten.

Bei der Morgenröte
mit beflügeltem Herzen zu erwachen
und für einen weiteren Tag des Liebens dankzusagen;

Zur Mittagszeit zu ruhen
und über die Verzückung der Liebe nachzusinnen;

Am Abend mit Dankbarkeit heimzukehren;
Und dann einzuschlafen
mit einem Gebet für den Geliebten im Herzen
und einem Lobgesang auf den Lippen

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Von der Zeit

Mein Haus sagte zu mir:
"Verlaß mich nicht, denn hier wohnt deine Vergangenheit".
Und die Straße sagte zu mir:
"Komm und folge mir, denn ich bin deine Zukunft".
Und ich sage zu beiden, zu meinem Haus und zu der Straße:
"Ich habe weder Vergangenheit, noch habe ich Zukunft.
Wenn ich hier bleibe, ist ein Gehen in meinem Verweilen;
und wenn ich gehe, ist ein Verweilen in meinem Gang.
Nur Liebe und Tod ändern die Dinge."

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Von Gott

Als vor Zeiten der erste bebende Laut über meine Lippen drang,
erklomm ich den heiligen Berg und sprach zu Gott.
Und ich sagte: "Herr ich bin dein Diener.
Dein geheimer Wille ist mein Gesetz, und ich folge dir immerdar."
Aber Gott antwortete nicht.
Er entschwand einem mächtigen Sturme gleich.

Und nach tausend Jahren erklomm ich den heiligen Berg,
und wieder sprach ich zu Gott.
Und ich sagte: "Schöpfer, ich bin dein Geschöpf.
Aus Ton hast du mich geformt, und was ich bin und habe, schulde ich dir."
Aber Gott antwortete nicht.
Er entschwand tausend eiligen Flügeln gleich.

Und nach tausend Jahren erklomm ich den heiligen Berg,
und wieder sprach ich zu Gott.
Und ich sagte: "Vater, ich bin dein Sohn.
Aus Liebe und Erbarmen hast du mich gezeugt,
und in Liebe und Ehrerbietung will ich dein Königreich erben."
Aber Gott antwortete nicht.
Er verschwand wie Dunst in der Ferne.

Und nach tausend Jahren erklomm ich den heiligen Berg,
und wieder sprach ich zu Gott.
Und ich sagte: "Mein Gott, mein Ziel und meine Erfüllung.
Ich bin dein Gestern, und du bist mein Morgen.
Ich bin deine Wurzel in der Erde,
du bist meine Blüte am Firmament,
und gemeinsam wachsen wir vor dem Antlitz der Sonne."
Da neigte sich Gott hernieder und flüsterte süße Worte in mein Ohr.
Und wie der See das Bächleil umfängt, das in ihn mündet, so umfing er mich.
Und als ich in die Weiten und Täler hinabstieg, war Gott auch dort.

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Von der Liebe

Wenn die Hand eines Mannes
die Hand einer Frau streift,
berühren sich beide bis in alle Ewigkeit.

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Erinnerung ist eine Form der Begegnung.
Vergeßlichkeit ist eine Form der Freiheit.

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Schönheit steht nicht im Gesicht geschrieben.
Schönheit ist ein Licht im Herzen.

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Bäume sind Gedichte,
die die Erde in den Himmel schreibt.

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Man muß durch die Nacht wandern,
wenn man die Morgenröte sehen will.

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Der Nächste

Wenn du deinen Kummer deinem Nächsten anvertraust,
dann schenkst du ihm einen Teil deines Herzens.
Wenn er eine große Seele besitzt, wird er es dir danken.
Wenn er eine kleine Seele besitzt, wird er dich herabsetzen.

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Der Frühling

Am Grunde des Herzens eines jeden Winters liegt ein Frühlingsahnen,
und hinter dem Schleier jeder Nacht verbirgt sich ein lächelnder Morgen.

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Mitleid

Sei nicht vom Mitleid erfüllt, aber sei gerecht.
Mitleid gewährt man dem schuldigen Verbrecher,
während ein unschuldiger Mann nur nach Gerechtigkeit verlangt.

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Vom Wissen

Sich verwirrt zu fühlen, ist der Anfang wahren Wissens.

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Mit einer Weisheit,
die keine Tränen kennt,
mit einer Philosophie,
die nicht zu lachen versteht,
und einer Größe,
die sich nicht vor Kindern verneigt,
will ich nichts zu tun haben.

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Die Schönheit ist ein Geheimnis

Die Schönheit ist ein Geheimnis,
das unser Geist versteht,
an dem er sich erquickt
und unter dessen Eindruck
er sich entfalten kann.

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Confidence is an oasis of heart
which is never reached
by the caravan of thinking.

auf deutsch:

Vertrauen ist eine Oase im Herzen,
die von der Karawane des Denkens nie erreicht wird.

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Trauet euren Träumen,
denn das Tor der Ewigkeit
ist darin verborgen.

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Einen Menschen zu lieben,
heißt einwilligen,
mit ihm alt zu werden.

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Die Bedeutung eines Menschen liegt nicht in dem, was er erreicht,
sondern in dem, was er sich zu erreichen sehnt.

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Lieber träumen und verlangen

Lieber möchte ich zu den geringsten Menschen gehören,
mit Träumen und dem Verlangen, sie zu erfüllen,
als der Größte zu sein, ohne Träume und ohne Verlangen.

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Als ich meinen Schmerz
auf den Acker der Geduld pflanzte,
brachte er die Frucht des Glücks hervor.

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Das Augenfällige wird immer erst gesehen,
nachdem es einer in schlichte Worte gefaßt hat.

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Beherzt ist nicht, wer keine Angst kennt,
beherzt ist, wer die Angst kennt und sie überwindet.


Quelle: http://www.muenic.de/gedichte/gibran.html


weitere Quellenverweise:

http://de.wikipedia.org/wiki/Khalil_Gibran

http://leb.net/gibran

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